Der Flötenkauf

August 2021


Meine Lehrerin ist an dem verabredeten Tag erkrankt. Ich rufe in beiden Geschäften an um das mitzuteilen und den Termin zu verschieben. Beide Berater ermutigen mich dennoch die Instrumente alleine auszuprobieren.
Meine Wunschvorstellung: ein silbernes Kopfteil und Ringklappen. Und ich habe ein Preislimit, das aber ein kleines bisschen nach oben korrigiert werden könnte.

FlötentestIm ersten Geschäft liegen vier Flöten zum Testen da. Eine Yamaha, die Tomasi aus Wien und zwei Azumi.
Die Ansprache auf der Yamaha ist am schnellsten. Ich fühle mich ganz wohl und vertraut mit ihr. „Eh klar“, sagt der Berater, die Marke bin ich ja gewohnt.
Die Tomasi enttäuscht leider etwas. Die Klappenmechanik irritiert mich irgendwie und soweit mein ungeschultes Ohr das erkennen kann, ist der Klang nicht so voll. Dabei hat mir diese „David gegen Goliath“ Haltung imponiert. Österreich gegen Japan. Die Ausführung mit der Mundplatte aus Holz darf bedauerlicherweise aus hygienischen Gründen nicht getestet werden.
Da finde ich die Flöten von Azumi schon interessanter. Beide haben ein Kopfteil aus Silber. Eine ist mit einer Mundplatte aus Silber ausgestattet und die andere hat eine aus Roségold. So richtig höre ich aber keinen großen Unterschied heraus.

Ich bin alleine in einem großen Raum, in denen ich die vier Flöten nach Herzenslust und ohne Zeitdruck ausprobieren kann. Der Berater taucht aber in regelmäßigen Abständen auf, um mir zu helfen. Habe zwei Notenhefte mitgebracht aus denen ich spiele. Jede der Flöten hat noch Silikonstöpsel in den Ringklappen, bis auf die F-Klappe. Die Umstellung wäre nicht so schnell für einen Anfänger umzusetzen und so kann ich beim Testen unbeschwerter auf Ansatz und den Klang achten.
Die Yamaha und die silberne Azumi liegen mir am meisten, wenn man das so von einem Instrument schreiben kann. Preislich sind beide unterhalb meiner Schmerzgrenze.

Das Anspielen und Austesten hat nun länger gedauert als gedacht. Ich bin fast froh, das meine Lehrerin krank war, weil ich mich sonst unter Zeitdruck gefühlt hätte.

Im zweiten Geschäft bitte ich darum nur drei Flöten vorgelegt zu bekommen. Ganz scharf war ich auf die Miyazawa mit den gelöteten Tonlöchern. Sie hatten diese Ausführung nicht vorrätig gehabt, aber extra für mich anliefern lassen. Es war gut, daß das vorher mit einem Telefonat vereinbart wurde. Beide Flötengeschäfte waren informiert das ich Anfängerin bin.
In diesem gab es einen wirklich sehr kleinen Raum zum Austesten. Keine Ahnung was ein Trompeter oder Posaunist in diesem Kammerl macht, wenn er dort sein neues Instrument anspielen möchte.

Die Flötenberaterin hat für mich die Miyazawa, eine Altus und eine Pearl vorbereitet. Bin ja nun schon ein wenig erfahren und kann die Pearl von der ersten Sekunde ausschließen. Das war sehr einfach, wir beide haben nicht zueinander gepasst. Dafür bringt sie mir eine Altus Flöte aus Vollsilber, um mal einen Vergleich ganz nach oben zu haben. War ein sehr reiner und voller Klang und ich hatte das Gefühl ein ungleich viel wertvolleres Instrument in meinen Händen zu haben. Aber der Preis ist weit, so weit über meiner Schmerzgrenze, das ich mich lieber auf die zwei übriggebliebenen konzentriert habe.

Die Mechanik der Miyazawa war ganz leichtgängig und präzise, eine wahre Freude sie zu betätigen. So federleicht, das es schien, als wenn sie allein durch meine Gedanken bewegt werden könnte. Der Klang hell und schön. Die Mechanik der Altus zwar auch leichtgängig aber irgendwie anders. Der Klang gefiel mir ebenso, er ist wärmer.
Ich kann mich nicht entscheiden und bin durch das viele Testen und Anspielen auch schon müde geworden. Eine kleine Kaffeepause ums Eck soll die Lebensgeister und Entscheidungskraft wieder wecken. Funktioniert aber nicht. Ich muß einen weiteren Termin an einem anderen Tag vereinbaren.
Bin nun wirklich sehr erleichtert, das meine Flötenlehrerin zu Hause bleiben mußte.

Eine Woche später liegen beide Flöten wieder für mich bereit. Ich habe zwar weiterhin den Plan im Hinterkopf bei Flutissimo generalüberholte und sehr hochwertige Flöten anzuspielen. Aber beim Ausprobieren der zwei Flöten war es plötzlich sonnenklar das ich eine von beiden nehmen muß.
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Mein Verstand wollte zwar unbedingt die Miyazawa haben. Ich hatte dieses großartige Gespräch mit dem Vertreter der Firma, höre die Vorteile eines schönen Klang durch die gelöteten Tonlöcher, spüre die extraleichte Klappenmechanik. Ein zusätzliches Pro für die Flöte wäre der Preis gewesen. Sie ist regulär um einiges höher als meine Preisvorstellung, aber der Hersteller hat in diesem Jahr einen ordentlichen Rabatt auf alle seine Flöten ausgeschrieben, so daß sie dann doch noch für mich finanzierbar gewesen wäre.
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Beim zweiten Probespielen ging es superschnell. Beide habe ich verdeckt angespielt und trotzdem gleich gewusst welche meine sein wird. Habe mich nach kaum 10 Minuten für die Altus entscheiden müssen. Es war der Klang, der Klang, der Klang. Die Flöte hat auf mein Anblasen sofort angesprochen und auf mich reagiert.

Das Kopfstück der Altus ist aus Britannia Silber, das einen höheren Silbergehalt als Sterlingsilber hat. Das Material verleiht der Flöte eine größere Palette an Obertönen und würde somit die musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten erweitern. Das trifft zwar nicht wirklich auf mich zu, bin ja noch eine Anfängerin. Ein unerfahrener Flute-rookie, der das noch gar nicht spielen kann. Das Mundloch hat einen S-Cut. Laut Beschreibung entsteht hierbei ein facettenreicher persönlicher Klang, durch etwas mehr Blaswiderstand. Diese Flöte wird gerne von fortgeschrittenen Spielern ausgewählt. Bin froh das nicht vorher gewußt zu haben, weil ich glaube diese Information hätte mich bei der Wahl beeinflußt.

Beim Heimfahren wollte ich meine neue Flöte gar nicht aus den Armen lassen. War so glücklich und mit Stolz erfüllt, daß ich vollkommen vergessen hatte eine Fahrkarte zu lösen und deshalb schwarz nach Hause gefahren bin. Die himmlischen Mächte hatten freundlicherweise an diesem wunderbaren Nachmittag keine Fahrscheinkontrolle für mich vorgesehen.

Zuhause habe ich sie immer wieder anschauen müssen. Sie ist so wunderschön. Noch ohne jeglichen Kratzer oder Dellen. Ich lasse vorerst alle Silikonstöpsel drinnen. Ich möchte mich an den Klang und das veränderte Spielgefühl gewöhnen und nicht abgelenkt werden durch die ungewohnten Ringklappen. Wir zwei müssen noch beste Freundinnen werden, auch wenn ich jetzt schon ziemlich schwer in sie verliebt bin.

 

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